Es gab Zeiten, da war es uns hier im Westen nicht so wichtig, wenn in China ein Sack Reis umfiel. Ja, es war sogar so wenig wichtig, dass wir dieses kleine Malheur sprichwörtlich für alles das nahmen, was uns auf keinen Fall etwas an-geht. Hätte ein mutiger Chinese auf diesenSack gedeutet und gerufen: „Hey, da ist ein Sack Reisumgefallen!", so wäre er möglicherweise schon damals dafür in ein Umerziehungslager gesteckt worden. Aber das war ja Teil der Dinge, die uns hier im Westen auf keinen Fall etwas angehen sollten. Heute, ein paar Tage vor den Olympischen Spielen in Peking, wünschen sich viele Sportfunktionäre diese glücklichen Zeiten zurück, in denen man nicht einmal wissen durfte, was da in China so alles umfällt. "Tibet", " Menschenrechte", "Presse-freiheit" - das sind nur einige der Aufdrucke, die heute auf den Reissäcken stehen. Zum einen sehen wir sie plötzlich, dank Internet und moderner Massenkommunikation, reihenweise umkippen und aufplatzen. Als Freund müsste man China aufmerksam machen, welchen Schaden es da nimmt. Aber China will nicht an so etwas erinnert werden. China wird von einer kommunistischen Partei regiert, die ähnlich humorvoll mit Kritik umgeht wie die späte SED der Deutschen Demokratischen Republik. Zum anderen ist der Drang des Westens, mit dem Finger auf Missstände zu zeigen, nicht mehr sehr groß. Denn plötzlich ist er beteiligt an dem Reibach, der sich mit einem Milliardenvolk mit ungezügelt erwachendem Konsumhunger erzielen lässt.
Vermutlich hat auch das IOC den einen oder anderen profitablen Reissack in China stehen. Games are money, diesen schönen Lehrsatz beherzigt die internationale olympische "Familie" schon lange äußerst erfolgreich - zum Wohle der Jugend der Welt natürlich. Alle waren glücklich, als man zu Beginn des Jahrtausends Peking endlich - im zweiten Anlauf - als Veranstalter der größten Show dieses Erdballs präsentieren konnte. Die Olympier, weil sie endlich weltumspannend wirken konnten. Die Sponsoren, weil sie wussten, wie viele Chinesen schon begierig auf Bulleten und Zuckerbrause warteten. Und die Herren der Chinesischen KP schließlich, weil sie den Westen nun endgültig nicht nur auf der finanziellen, sondern nunmehr auch auf der moralischen Leimrute hatten.
Nun passiert diese dumme Geschichte mit den buddhistischen Mönchen in Lhasa, die sich nie und nimmer unter die chinesische Zwangsherrschaft begeben wollen. Ja, auch buddhistische Mönche leben im Jetzt, nutzen das Internet und sehen die Zeichen der Zeit. Sie wussten, dass sie nie wieder so viel internationale Aufmerksamkeit erzielen konnten wie kurz vor dem Beginn des chinesischen Fackellaufs, der die Herrlichkeit der Partei in der ganzen Welt verkünden sollte. Die chinesischen Granden haben plump reagiert, so wie jede diktatorische Macht dieser Welt reagiert, die ihre Felle davonschwimmen sieht: Sie hat Soldaten geschickt. Sie hat auf Mönche schießen lassen. Plötzlich waren sie wieder da, die Bilder von Tienamen, dem Platz des Himmlischen Friedens.
Nun sollen also Sportler aus aller Welt nach China reisen, zu einem Fest der Freude und Völker-verständigung. Sie alle haben die Bilder gesehen, die um die Welt gingen. Sie sollen sich nicht dazu äußern. Sport und Politik, so will uns das Olympische Komitee weismachen, seien strikt zu trennen. Das ist natürlich pure Heuchelei. Es gibt kaum einen politischen Vorgang von größerer Bedeutung auf dieser Welt, als die Vergabe Olympischer Spiele, daran hat sich seit 1936 nichts geändert. Die Dickfelligkeit der olympischen Funktionäre aber ist immer die Gleiche geblieben. Sie beschränken sich darauf, den Sportlern einen Maulkorb umzuhängen - und widmen sich ansonsten leise und zielstrebig der Abwicklung ihrer Geschäfte.
Der Deutsche Olympische Sportbund DOSB hat jetzt nach langem Hin und Her eine Regelung gefunden, die an Perfidie und Heuchelei nicht mehr zu überbieten ist:
Ja, diese Vorgänge in Tibet sind nicht so erfreulich, man sollte als mündiger Bürger schon dazu Stellung beziehen. Ja, deutsche Sportler sind mündige Bürger und dürfen deswegen auch ihre Meinung zu politischen Vorgängen äussern. Allerdings nicht in Sportstätten und während der Dauer offizieller olympischer Veranstaltungen. Im Olympischen Dorf in Peking und während des Rahmenprogramms vielleicht. Aber dann auf eigene Gefahr. Und das IOC und der DOSB dürfen da auf keinen Fall mit hineingezogen werden.
So ungefähr stellt man sich das vor, beim DOSB. Fein heraushalten aus der Sache. Einfach aussitzen. Die Sportler sind doch selbst schuld, wenn sie ihre Meinung äußern wollen. Für die olympischen Funktionäre gilt die alte Regel: In China ist ein Sack Reis umgefallen...
Manfred Odendahl, Vizepräsident für Lehre und Bildung