Die Rhythmische Sportgymnastik hat sich in den vergangenen Jahren drastisch gewandelt. Die Sportlerinnen brauchen nicht mehr nur Talent, Körperbeherrschung und gerätetechnisches Geschick. Sie brauchen auch einen Trainer, der am besten Vollzeit für den Sport arbeitet, choreographiert und die RSG-eigene Sprache studiert. Denn die Zeiten, in denen gut überlegte und unmissverständlich formulierte Pflichtteile mit attraktiven Kür-Elementen verknüpft wurden und sich daraus eine konkurrenzfähige Übung ergab, sind vorbei.
Heute müssen die Gymnastinnen und Trainerinnen aus einem Wertungskatalog ihre Elemente zusammen suchen, was nahezu einer Doktorarbeit gleicht. Denn monatlich erreichen die Verantwortlichen Änderungen, Streichungen und Rücktritte von früheren Auffassungen, die alle in einem „Newsletter“ zusammengefasst werden. Derzeit ist Rundschreiben Nummer 29 aktuell. Oder gibt es etwa schon 30? Den Überblick behalten nur die ganz fleißigen, diejenigen, die in den Abendstunden alle Änderungen in den ursprünglich gültigen Wertungskatalog übertragen.
Allerdings stößt man bei dieser Fleißarbeit immer wieder auf Hindernisse. Denn Trainer und Sportler stellen sich schon die Frage, wie es Bonuspunkte für ein Element geben kann, das eine „Handhabung des Geräts mit Händen ohne Unterstützung der Hände“ vorschreibt oder „am Boden ohne Unterstützung des Bodens“ ausgeführt werden muss.
Wer dem nachgehen möchte, muss ein Fax an die Landeskampfrichterwartin richten. Sie wendet sich dann an die Bundeskampfrichterin und erhält mit viel Glück eine Antwort. Natürlich kollidiert diese in der Regel mit den Aussagen des neuen Newsletters.
Hat man sich mühevoll alles zusammengesucht, müssen die Übungen für den technischen und künstlerischen Wert in einer eigens entworfenen Zeichensprache schriftlich festgehalten werden. Fehler im Protokoll wurden bis vor wenigen Wochen mit einem Abzug bestraft. Dieser Unsinn gehört nun der Vergangenheit an. Zumindest bis zum nächsten Rundschreiben.
So mühen sich also Trainerinnen und Gymnastinnen und versuchen, ihre eigentlich attraktive Sportart trotz massig neuer Regeln und bürokratischem Aufwand interessant zu halten. Und auch wenn viel gejammert wird, es gelingt.