In der Nachbetrachtung und Auswertung des Kongresses „Fitte Kinder!?“, der gemeinsam am 17./18. März 2006 in Augsburg durchgeführt wurde, haben sich mehrere wichtige Punkte ergeben, die wir in der folgenden Resolution zusammengefasst haben:
1 Die interkulturelle Erziehung ist für das Vorschul- und Grundschulkind von grundlegender Bedeutung; dabei spielt die Bewegungserziehung eine zentrale Rolle bei der Hinführung junger Menschen zum sozialen Verhalten und für die Welterfahrung, die wesentlich über Bewegung und Körper erfahrbar gemacht werden können.
2 Die Bedeutung einer systematischen Förderung im Rahmen der Erziehung von Vorschul- und Grundschulkindern ist spätestens seit den letzten Ergebnissen der international vergleichenden Schulleistungstests („PISA“, „IGLU“) nachdrücklich bestätigt worden; die Bewegungs- und Sporterziehung durch ausgebildete Fachkräfte ist in diesem Entwicklungsabschnitt nicht ersetzbar und deshalb unverzichtbar.
Die Aufgaben einer gezielten Bewegungsförderung und Leibeserziehung werden in Zukunft nur durch eine gute Zusammenarbeit zwischen Kindergärten, Grundschulen, Sportvereinen und -verbänden sowie den Eltern erfolgreich realisiert werden können.
3 Das Engagement der Sportvereine zur Bewegungs- und Sportförderung verdient hohe Anerkennung. Das bisher Geleistete reicht aber bei Weitem nicht aus, um den hohen Bedarf zu decken. Deshalb muss hier verstärkt die politisch-finanzielle und die gesellschaftliche Förderung und Anerkennung ansetzen. Staatliche Kürzungen und Streichungen sind der falsche Weg!
Ein Land, das im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft „die Welt zu Gast bei Freunden“ hat, sollte Vorbild sein im Engagement für die Bewegungserziehung von Kindern!
4 Die Kosten unseres Gesundheitssystems sind strapaziert genug – daher: Prävention statt Rehabilitation! Nichts ist günstiger und bringt mehr im Hinblick auf die Vorbeugung von Haltungsschwächen, Übergewicht, Herz- und Kreislaufschwächen bzw. Koordinationsschwierigkeiten bei Kindern als regelmäßige Bewegungsangebote in den Vereinen, im Kindergarten und in der Schule.
5 Dies muss zur Konsequenz haben:
a. Eine Weiterqualifizierung des in Kindergärten und Grundschulen tätigen Erzieher- und Lehrpersonals hinsichtlich einer gezielten Bewegungsförderung und Leibeserziehung.
b. Die Vorbereitung der Eltern im Rahmen von systematisch angelegter Elternarbeit (Erzieherinnen / Erzieher und Eltern sind die zentralen Vorbilder bezüglich des Bewegungs-, Spiel- und Sportverhaltens!!).
c. Die Ausstattung der Räume mit bewegungsanregenden Klein- und Großgeräten – im Innen- und Außenbereich (Spielplätze, Pausenhöfe, Naherholungsbereich).
d. Ein zusätzliches Ausbildungsprogramm, an dem ALLE mit der Bewegungsförderung von Kindern beteiligten Personen gemeinsam teilnehmen können.
e. Eine Initiative zur Stärkung der Zusammenarbeit unserer Sportvereine mit Kindergärten und Grundschulen im Bereich der Bewegungsförderung unserer Kinder.
6 Die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Neurobiologie und der Hirnforschung zeigen deutliche Zusammenhänge zwischen motorischer Aktivierung und der Entwicklung von Intelligenzleistungen bei Kindern.
7 Ein zweiter Befund steht hierzu in einem unmittelbaren Zusammenhang - nämlich, dass ein bewegungsanregendes Umfeld eine wesentliche Voraussetzung ist für eine umfassende motorische Entwicklung und für die Entstehung von vielfältigen und breit angelegten Bewegungserfahrungen, vor allem für Kinder im Kleinkindalter und im Vorschulalter; in diesem Entwicklungsabschnitt werden also wesentliche Weichen gestellt für die zukünftige Qualität des Bewegungsverhaltens und des sportlichen Handelns von Kindern und Jugendlichen.
8 Aus diesen beiden wissenschaftlichen Erkenntnissen lassen sich aus sportpädagogischer Sicht und aus Sicht der Verbandsarbeit folgende bedeutsame Forderungen ableiten, die schul- und sportpolitisch relevant sind:
· Wir benötigen dringend eine Erhöhung der Ausbildungsqualität von Erzieherinnen/Erziehern und Grundschullehrerinnen/-lehrern im Hinblick auf Bewegungserziehung und körperliche Fitness. In diesem Zusammenhang ist es aber ebenso wichtig, die Elternarbeit zum Thema „Bewegungsförderung im Kindesalter“ zu forcieren und zu einem expliziten Schwerpunkt zu machen.Dabei muss das Wissen der Sportfachverbände (wie BTV) bezüglich der Umsetzung alternativer Bewegungsangebote für Kinder in der Aus- und Fortbildung (Lehrplan in der Erzieher- und Grundschullehrerausbildung) Berücksichtigung finden. Die Bewegungsstunden im Kindergarten und die regulären Sportstunden in der Grundschule müssen entsprechend unterstützt werden.
· Wir brauchen eine Verbesserung der Ausstattungsqualität und zwar:
- im Innenbereich von Kindergärten und Grundschulen (Bewegungsräume, Sporthallen, mobile und fest installierte Geräte),
- im Außenbereich (hier vor allem im Bereich von Spielflächen und Spielgeräten im Freien sowie eine verbesserte Ausstattung von Pausenhöfen)
· Wir fordern eine tägliche Bewegungsstunde im Kindergarten und in der Schule zur Förderung der psychomotorischen und sozialen Entwicklung ebenso wie der Prävention der mit Bewegungsmangel verbundenen Erkrankungen.
· Solange die angesprochenen Defizite bestehen, muss es möglich sein, dass ausgebildete Fremdkräfte (z.B. Übungsleiter mit Schwerpunktausbildungen) auch während der regulären Schulzeiten Zulassung im Schulbereich für den Sportunterricht finden. Damit kann die Durchführung dieser Sportstunden abgesichert werden und den Schülern ein Zugang zu alternativen Bewegungsangeboten (auch außerhalb der Schule) ermöglicht werden.
· Wir benötigen einen Ausbau der Sportarbeitsgemeinschaften, eine Erweiterung für den Einsatzbereich in Schulen und zusätzlich in Kindergärten.
Augsburg / München, 1. Juni 2006
Prof. Dr. Helmut Altenberger
Institut für Sportwissenschaft der Universität Augsburg
Michael Götz
Präsident des Bayerischen Turnverbandes
Dr. Volker Renz
Vorsitzender der Bayerischen Turnerjugend
Christine Zetzmann
Landesfachwartin Kinderturnen des Bayerischen Turnverbandes